Elena Scherschneva - Traumasensible Begleitung und Supervision für Berater:innen

Polyvagaltheorie: Dein Nervensystem übernimmt die Führung, bevor du auch nur einen Satz sagst

Was Dr. Stephen Porges entdeckt hat – und warum kein Beratungsgespräch wirklich trägt, wenn das Nervensystem auf Alarm steht.
Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis ich wirklich verstanden habe, worum es bei der Polyvagaltheorie geht. Dieses Wissen möchte ich gerne auch mit dir teilen.
Ich erinnere mich noch gut: Ich war im Auto, hatte den Podcast von Verena König an und plötzlich – irgendwo auf der Autobahn – hat sich ein Schalter umgelegt. Auf einmal ergab etwas Sinn, das mir jahrelang an mir selbst rätselhaft war.

Warum fühlt sich Meditation manchmal nicht entspannend an, sondern aufwühlend? Warum kommen manche Klient:innen in die Beratung, wirken äußerlich ruhig – und kommen trotzdem an keinen einzigen Veränderungsimpuls heran? Und warum spüren wir als Berater:innen manchmal, dass etwas im Raum schwerer ist, als die Worte allein erklären?

Die Antwort liegt im Nervensystem. Und genau hier setzt die Polyvagaltheorie an.

Was ist die Polyvagaltheorie?

Die Polyvagaltheorie wurde vom Neurowissenschaftler Dr. Stephen Porges entwickelt. Sie erweitert unser bisheriges Verständnis des Nervensystems grundlegend – und erklärt, warum Menschen in Belastungssituationen so reagieren, wie sie reagieren.

Zugänglicher für die Praxis hat sie Deb Dana, eine Schülerin von Porges, aufbereitet. Wer tiefer einsteigen möchte: Danas Bücher und ihre Arbeit sind ein guter erster Schritt, bevor man sich in die neurologischen Grundlagentexte wagt.

Im Kern beschreibt die Polyvagaltheorie drei Zustände, in denen sich unser Nervensystem befinden kann – und was das für Verbindung, Wahrnehmung und Veränderung bedeutet.
🧠 Nervensystem-Perspektive
„Poly" bedeutet „viele" – und bezieht sich auf die verschiedenen Äste des Vagusnervs, der als zentraler Kommunikationsweg zwischen Gehirn und Körper gilt. Die Theorie zeigt: Nicht alles, was wir fühlen oder tun, ist bewusst gesteuert. Vieles passiert unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
die drei grundzustände

Ventral, Sympathisch, Dorsal - was das wirklich bedeutet

Das Nervensystem hat keinen An-Aus-Schalter. Es bewegt sich zwischen drei Zuständen, die jeweils eine eigene Wahrnehmung der Welt, eine eigene emotionale Färbung – und eine eigene Kapazität für Verbindung und Veränderung mit sich bringen.
Grüner Bereich
Ventralvagal - Sicherheit & Verbindung
Das ist der Zustand, in dem echte Verbindung möglich ist. Man ist neugierig, offen, mitfühlend. Die Welt wirkt grundsätzlich freundlich, andere Menschen sind erreichbar.

Dieser Bereich ist dem parasympathischen Nervensystem zuzuordnen – und er wird nur dann aktiv, wenn das System wirklich Sicherheit wahrnimmt. Nicht wenn man sich sagt, dass es sicher ist. Wenn der Körper es spürt.
  • Neugier, Offenheit, Mitgefühl
  • Verbindung mit sich selbst und anderen
  • Hier kann Veränderung entstehen
Gelber Bereich
Sympathisch – Kampf & Flucht
Sobald das System eine Bedrohung wahrnimmt – real oder empfunden – schaltet es um. Herzrate steigt, Blutdruck steigt, Muskeln werden mit Blut versorgt. Der Körper bereitet sich darauf vor, zu kämpfen oder zu fliehen.

Das ist kein Fehler im System. Es hat uns als Spezies überleben lassen. Das Problem entsteht, wenn dieser Zustand chronisch wird – oder wenn er in der Beratung aktiviert wird und niemand da ist, der Orientierung gibt.
  • Wut, Angst, Frustration, Sorgen
  • Anspannung, Überaktivierung
  • Durchgangszustand - kein Endpunkt
Roter Bereich
Dorsalvagal – Shutdown & Dissoziation
Wenn weder Kampf noch Flucht möglich ist – wenn die Überforderung zu groß wird – zieht sich das System zurück. Der Mensch „stellt sich tot". Nicht mit Absicht. Der Körper entscheidet das.

Das kann wie Depression wirken, wie emotionale Taubheit, wie Antriebslosigkeit. Oft sitzt ein hochfunktioneller Shutdown im Raum – jemand funktioniert gut nach außen, ist innerlich aber seit Jahren im Keller.
  • Hilflosigkeit, Taubheit, Dissoziation
  • Hoffnungslosigkeit, Rückzug
  • "Ich fühle mich innerlich leer"
Für die Arbeit bedeutet das:

"Wenn das Gegenüber nicht im grünen Bereich ist, kann man keine Entwicklung und Veränderung erwarten".
Die Aufzug-metapher

Man kann kein Stockwerk überspringen

dachterrasse
Ventral
Mittlerer Stock
Sympathisch
Keller
Dorsal
Ich erkläre das gerne als Aufzugssystem: Die Dachterrasse – das ist der ventralvagale Bereich. Dort scheint die Sonne, dort ist Verbindung möglich, dort kann Beratung wirklich etwas bewegen. Der mittlere Stock ist der sympathische Bereich – angespannt, alarmiert, aber noch in Bewegung. Und der Keller ist der dorsale Shutdown.

Das Entscheidende: Man kann nicht einfach einen Stock überspringen. Wer im Keller ist, kommt nicht direkt auf die Dachterrasse – der Aufzug fährt durch den mittleren Stock. Das bedeutet: Bevor jemand wirklich in Sicherheit ankommen kann, muss er durch den Bereich, wo Angst, Wut und Unruhe hochkommen.

Viele Menschen kennen das aus eigener Erfahrung: Man macht etwas, das eigentlich entspannend sein sollte – und fühlt sich plötzlich schlechter. Weil das System gerade den Weg durch den mittleren Stock nimmt. Das ist kein Rückschritt. Das ist der Weg.
Für die Beratungspraxis:
Wenn ein Klient oder eine Klientin aus dem Shutdown herauskommt und dabei plötzlich agitiert, wütend oder ängstlich wirkt, ist das oft kein Problemzeichen. Es kann der erste Schritt zurück in Richtung Dachterrasse sein. In diesem Fall ist es wichtig, behutsam zu begleiten, präsent zu bleiben und nicht beschwichtigen.

Eine persönliche ERfahrungsgeschichte

Als mir die Herzratenmessung zeigte, was ich nicht sehen konnte

Ein Bekannter von mir arbeitet als Kinesiologe und hatte ein Herzratenmessgerät. Wir haben ihn überredet, es auszuprobieren. Er hat mich für 24 Stunden mit kleinen Dioden beklebt, ich hatte einen Transmitter dabei – und er hat die ganzen Daten aufgezeichnet.

Bei der Auswertung sagte er: „Elena, das Pferd entspannt dich wirklich gut. Aber was auch immer du zwischen 15 und 16 Uhr gemacht hast – lass das bitte. Dein Körper war in absolutem Ausnahmezustand."

Ich hatte von 15 bis 16h meditiert.

Genau das, was ich für Entspannung gehalten hatte, hatte mein Nervensystem komplett auf Alarm gestellt. Erst als ich Wochen später den Polyvagal-Podcast von Verena König hörte, verstand ich, was da passiert war: Ich war lange im dorsalen Shutdown unterwegs – und in dem Moment, als die Meditation etwas lockerte, fuhr das System automatisch durch den sympathischen Bereich. Mitten durch den mittleren Stock. Mit allem, was dazugehört.

Rückblickend war ich sicher gut 20 Jahre mit sehr hoher Leistungsbereitschaft und durchschlagender Kompetenz im roten Bereich unterwegs. Manchmal im gelben. Das hat mich dann gestresst. Also zurück in den roten. Das kann hochfunktionell aussehen – es ist auch genau das, was Burnout-Verläufe oft kennzeichnet.

Und das ist der Grund, warum ich diese Theorie nicht nur für die Arbeit mit Klient:innen wichtig finde. Sondern auch für uns als Berater:innen.

Konsequenzen für die Beratung

Was das für dich als LSB bedeutet

1

Wo du dich als Berater:in befinden solltest

In welchem State kann ein Mensch wirklich Veränderung erfahren? Im ventralvagalen Bereich. Dort, wo Sicherheit, Verbindung und Offenheit herrschen. Nirgendwo sonst.

Das bedeutet für uns als Berater:innen: Wir müssen selbst dort sein, damit unsere Klient:innen uns dorthin folgen können. Co-Regulation ist kein Schlagwort. Das Nervensystem des anderen kalibriert sich an unserem.

Wenn wir selbst in Anspannung sind – vor dem Termin, wegen einer schwierigen Geschichte, weil ein eigenes Thema angetriggert wurde – dann macht sich das im Raum bemerkbar, auch wenn wir kein Wort darüber verlieren.

Die ehrliche Frage lautet also nicht nur: „Wo ist mein Klient?" Sondern: „Wo bin ich selbst gerade?"

2

Den Shutdown erkennen

Der dorsale Shutdown ist tückisch, weil er sich von außen oft gar nicht wie Shutdown anfühlt. Menschen funktionieren, sie kommen in die Beratung, sie antworten auf Fragen – aber es kommt nichts zurück.

Signale, die auf einen dorsalen State hindeuten können:
  • „Ich fühle mich innerlich wie leer" oder „wie abgestorben"
  • Schwierigkeit, eigene Gefühle zu benennen oder überhaupt zu spüren
  • Ausgeprägte Scham, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit
  • Rückzug in Suchtverhalten oder Betäubung
  • Hochfunktionales Außen bei gleichzeitig erschöpftem Innen
Wichtig für LSB
Das Erkennen dorsaler Zustände ist Teil unserer traumasensiblen Haltung – es ist kein diagnostischer Akt. Was wir damit machen, bleibt klar innerhalb unseres Rahmens: stabilisieren, sichern, gegebenenfalls weiterleiten. Was wir im traumasensiblen Rahmen dürfen und was nicht, erkläre ich ausführlich im Artikel zu den rechtlichen Grundlagen.

3

Der eigene Werkzeugkoffer

Was hilft, wenn man selbst mitten in der Session merkt, dass man aus dem grünen Bereich abrutscht? Nicht auf die perfekte Technik warten. Kleine, konkrete Schritte: Atem verlangsamen, Füße am Boden spüren, Zunge vom Gaumen lösen.

Wie das konkret in einer Beratungssituation aussieht – was zu tun ist, wenn das eigene Nervensystem hochfährt, während der Klient spricht – habe ich im Artikel zu den 5 Tipps für den Umgang mit Triggern beschrieben.

Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Wir können nur so weit stabilisieren, wie wir selbst Zugang zu unserem grünen Bereich haben. Das ist keine Anforderung an Perfektion. Es ist eine Einladung zur Selbstkenntnis.

Wie sich Polyvagaltheorie, IFS und Compassionate Inquiry ergänzen

Die Polyvagaltheorie erklärt das Warum. Sie zeigt, welche biologischen Mechanismen dem zugrunde liegen, was wir im Beratungsraum erleben.

IFS nach Dr. Richard Schwartz fügt eine weitere Ebene hinzu: die inneren Anteile, die in jedem dieser States anders aktiviert sind. Im dorsalen Zustand melden sich oft die verborgensten, verletzlichsten Anteile – die Exiles. Im sympathischen sind es häufig Feuerwehrleute oder Manager, die die Situation kontrollieren wollen.

Compassionate Inquiry nach Dr. Gábor Maté arbeitet mit der Haltung, die nötig ist, damit das Nervensystem überhaupt in den ventralen Bereich kommt: Mitgefühl, Neugier, Nicht-Wertung. Nicht als Methode, sondern als Zustand, den die Berater:in verkörpert.

Alle drei Ansätze lassen sich innerhalb des LSB-Rahmens einsetzen – nicht therapeutisch, aber mit psychologischer Tiefe.

Fazit

Das Nervensystem ist kein Beiwerk in der Beratung. Es ist das Fundament.
Ob eine Sitzung etwas bewegt oder nicht, hängt maßgeblich davon ab, in welchem Zustand das Nervensystem ist – das der Klient:in, und das unsere. Die Polyvagaltheorie gibt uns einen Rahmen, um das zu verstehen, ohne zu pathologisieren.

Wer versteht, dass ein Mensch im dorsalen Shutdown gerade nicht in der Lage ist, sich zu verändern, weil sein System auf Überleben steht, nicht auf Wachstum, begegnet ihm anders: Geduldiger. Klarer darin, was gefragt ist: nicht Technikeinsatz, sondern Präsenz.

Das ist es, was ich mit traumensensiblem Begleiten meine.
Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du Polyvagaltheorie, IFS und Compassionate Inquiry in deiner Praxis als LSB einsetzen kannst:

In der Supervision schauen wir gemeinsam, wo dein eigenes Nervensystem gerade steht – und was das für deine Arbeit bedeutet.
© Elena Scherschneva 2026